Tele D / Trial Magazin

Michael Gilgen - Der Extremläufer / Interview auf Tele D

Please find my Interview with Christian Stamm on Tele D concerning the "Four Deserts Grand Slam"

Der Report

4 Desert Grand Slam – 4 Selbstversorger Ultramarthons durch die größten Wüsten dieser Welt - in einem Jahr

Jetzt sitze ich gerade hier auf dem Schiff zurück aus der Antarktis mit Kurs auf Patagonien und reflektiere über mein außerordentliches Lauf Jahr. Ich (Michael Gilgen (47)) absolvierte im Jahr 2014 vier Ultramarathons der 4Deserts Serie durch 4 Wüsten als Selbstversorger. Am 8. November überschritt ich die Ziellinie auf der Deception Insel (Antarktis), um als erster Schweizer den 4 Desert Grand Slam zu beenden. Mit diesem Projekt konnte ich knapp zwei-und-zwanzig tausend Franken zugunsten der Theodora Stiftung “erlaufen”. Anfangs 2014, im Februar, startete ich mit dem ersten von vier 250km Selbstversorger Rennen in Jordanien. Im Juni folgte die Wüste Gobi in China an der Kasachstanischen Grenze, im September dann die Durchquerung der Atacama in Chile und nur 3 Wochen nach meiner Rückkehr aus Chile folgte  die "Letzte Wüste" die Antarktis.


Unterschiedlicher konnten die klimatischen Bedingungen der durchlaufenen Wüsten nicht sein: von extremer Hitze zu Regen, Schnee, Eis, starken Winden und großer Kälte.

Aber was hat mich dazu bewogen, mich der Herausforderung des 4Deserts zu stellen?

Nach zwei absolvierten Rennen in der Sahara (Marathon des Sables 2010 & 2011), war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Da ich weiß, dass ich mit der Hitze gut zurechtkomme, habe ich mir einen Ultramarathon in der Kälte gesucht und bin auf die 4 Deserts Serie gestoßen. Um jedoch in der Antarktis partizipieren zu dürfen (das Rennen findet nur alle 2 Jahre und nur auf Einladung statt) müssen zwei Rennen der Serie erfolgreich absolviert sein. Mir ist sofort klar, dass ich die Gobi und die Atacama laufen werde, um die Qualifikation zu erreichen. Als dann noch das ursprünglich in der Sahara geplante Rennen, aus politischen Gründen, nach Jordanien verlegt wird, zeichnete sich die Teilnahme an allen 4 Rennen ab.

Jede einzelne Wüste hat einen einzigartigen und speziellen Charakter:
Jordanien, eine sandige Wüste in gebirgigem Umland mit Ziel in der antiken Stadt Petra; Gobi, die windigste Wüste der Welt in alpiner Landschaft und in einer touristisch absolut unerschlossenen Region; Atacama, die trockenste und höchst gelegene Wüste der Welt, welche unter der Hitze stöhnt; Antarktis, die kälteste Wüste der Welt, welche eine unwirkliche und menschen-feindliche Landschaft fernab jeglichem menschlichem Leben präsentiert und trotzdem vor Leben strotz: Wale, Robben, Pinguine und Albatrosse.

Die große Herausforderung besteht in der Vielfalt des zu laufenden Untergrundes (Dünen, Geröll, Felsen, Salzseen, Flussdurchquerungen), die Höhenunterschiede, die klimatischen Bedingungen und die zum Teil kurzen Erholungspausen (im Speziellen für die Füße) zwischen den Rennen.  Zudem wird die gesamte Ausrüstung für die jeweils sieben Tagen selber mitgetragen. Das einzige was einem gereicht wird ist das Trinkwasser. Der Rucksack mit Essen, Schlafsack, Pflichtausrüstung, Kleider usw. wiegt zu Beginn ca. 10 kg.

 

Mit der Teilnahme an den Läufen genoss ich ein großes Privileg, ist es doch nicht selbstverständlich gesundheitlich und mental so eine Belastung zu meistern. So ist es mir ein Bedürfnis, mein Projekt einer Stiftung zu widmen um etwas von meinem Glück zurück-, respektive weiterzugeben. So habe ich mich für einen Spenden-Lauf zugunsten der Theodora Stiftung entschieden. Die Stiftung Theodora verfolgt seit ihrer Gründung 1993 das Ziel, das Leiden von Kindern im Spital und in spezialisierten Institutionen durch Freude und Lachen zu lindern. Heute organisiert und finanziert die als gemeinnützig anerkannte Stiftung jede Woche den Besuch von 58 Spitalclowns in 54 Spitälern und spezialisierten Institutionen für Kinder mit Behinderung in der gesamten Schweiz. Pro gelaufenen Kilometer konnte gespendet werden; so lautete meine Ambition die 1'000 km in einem Jahr zu laufen und dem Ganzen einen interessanten, ambitionierten und sinnvollen Charakter zu verleihen. “Sowieso erhält jeder einzelne Schritt einen speziellen Sinn, wenn man ihn für Kinder laufen kann“. Durch die Läufe konnte ich knapp zwei-und-zwanzig tausend Franken “erlaufen”.

Vier Wüsten, je sechs Marathons

 

Gefrorenen Broccoli mag ich überhaupt nicht. Allerdings ist hier nicht von dem in der Tiefkühltruhe die Rede. «Frozen Broccoli» nennen wir Läufer den bröckligen, halb harten Sand in der Atacama. Die raue Wüste im chilenischen Hochland ist im Oktober die dritte von vier Stationen des sogenannten 4-Desert-Grand-Slam (wenn alle vier Rennen in einem Jahr absolviert werden). Die Atacama ist definitiv auch die härteste Herausforderung der unterschiedlichen Wüsten. So wartete sie mit ungewöhnlicher Höhe (Start auf 3‘300 Meter über Meer), Hitze am Tag und fröstelnde Temperaturen in der Nacht, Sanddünen, Salzseen und Flussüberquerungen (im Gletscherwasser) auf. Der Lohn für die Strapazen ist ein Sternenhimmel, welcher zum Greifen nah ist, Vollmond und eine komplette Mondfinsternis.

 

Jedes Wettrennen in der Wüste dauert sieben Tage. An den ersten vier Tagen absolvieren wir je einen Marathon, am fünften Tag einen zweifachen. Am letzten Tag gibt es dann einen netten Zieleinlauf, immerhin noch zwischen sechs und 17 Kilometern lang. Unvergesslich ist der Einlauf frühmorgens in der jordanischen Wüstenstadt Petra, bevor die ersten Touristen kommen. Was Schauplatz für Indiana Jones im Film “die letzten Kreuzritter” war, ist perfekt für uns als Zielgelände. Der erste Teil des Wüsten-Grand-Slams fand im Februar in Jordanien statt.

Außer ca. zehn Litern Wasser dürfen wir an den Wettkampftagen keinen zusätzlichen Proviant fassen. Was wir benötigen, tragen wir als Selbstversorger von Beginn weg in unserem Rucksack mit. 2000 Kalorien pro Wettkampftag sind vorgeschrieben. Das reicht jedoch niemals aus, um den täglichen Energieverbrauch zu decken. Die Läufe zehren einen aus. Und die mit Wasser angerührten Essen verleiden mir rasch und lassen nicht viel mehr als einen Brechreiz zurück (im speziellen das Frühstück). Dank einer Kohlenhydrat-armen Ernährung vor den Läufen, habe ich meinen Körper jeweils auf Fettverbrennung umgestellt, was mir hilft auch mit den reduzierten Kalorien zu Recht zu kommen.

Nach der Hitze in Jordanien ging's im Juni an die Chinesisch-Kasachische Grenze. Die Wüste Gobi bietet fast heimische Verhältnisse. Das Gelände ist hochalpin, wie über der Baumgrenze in der Schweiz und die Wüste blüht förmlich. Doch es ist kühl, teilweise winterlich. Einmal konnten wir wegen des Windes und dem erwarteten Gewitter die Zelte nicht aufschlagen, und genossen dafür Gastrecht in den Jurten der Nomaden. Wir bewegen uns in militärischem Sperrgebiet. Nirgends sonst gibt es so viele Soldaten.

Im Feld der Läufer bilden sich rasch Leistungsgruppen. Etwa ein Fünftel aller Teilnehmer rennen jeweils die ganze Distanz, etwa drei Fünftel gönnen sich hin und wieder einen Fußmarsch und das letzte Fünftel marschiert gänzlich. Ich lief weit besser, als ich es erwartet hatte. Krisen blieben aus. Und ich ordnete mich im vordersten Fünftel ein.

 

Runden auf dem Packeis und im Tiefschnee

 

In November schließlich folgt die letzte Herausforderung: Die Läufe auf Eis, im Tiefschnee und Fels in der Antarktis. Dieser Teil des Grand-Slam findet nur alle zwei Jahr statt. Gesamthaft sind wir 69 Läuferinnen und Läufer die qualifiziert sind und auf dem Schiff Platz finden. Die Läufe sind äußerst kraftzehrend, denn aufgrund der tiefen Temperaturen bleibt der Schnee pulvrig. Zudem kommen die schweren Schuhe hinzu, welche mit “Ketten und Spikes” ausgestattet sind um im Eis genügend Griff zu haben. Wir rennen aus Gründen der Sicherheit Schleifen und keine Strecken. Dies erlaubt bei den raschen Wetterwechseln eine schnelle allfällige Evakuation mit den kleinen Zodiac Booten zurück auf das Schiff. Tiere haben hier immer Vortritt und zu Pinguinen halten wir mindestens 5 Meter Abstand. Abends geht es vom Eis zurück aufs Schiff – zum Aufwärmen, denn so ein Tag draußen, lässt einem sogar das Wasser in der Flasche einfrieren.

 

In der Antarktis habe ich mir noch ein weiteres Ziel gesetzt, den Sieg in der Teamwertung. Als Team darf man nicht weiter als 25m vom ersten bis zum letzten Läufer auseinander sein und alle Checkpoints müssen gemeinsam erreicht werden. Zusammen mit zwei Kollegen aus Kanada bilden wir ein Team mit dem erklärten Ziel zu gewinnen. Wir schaffen es alle unter die Top 10 in der Einzel-Gesamtwertung zu finishen und gewinnen den ersehnten Zinnteller für das Sieger-Team.

Der 4 Deserts Grand Slam verlangt einem zeitlich und körperlich viel ab, zudem kommt noch das notwendige Verständnis und die Unterstützung aus seinem privaten wie auch beruflichen Umfeld für die vielen Abwesenheiten.

Kein Sponsor und kein Medienpartner schlachtet die noch junge Extrem-Sportveranstaltung aus – bisher; und wenn es nach den Veranstaltern geht auch in Zukunft.


Ich blicke auf unzählige, einmalige Erinnerungen zurück und werde noch lange vom Erlebten zehren. Meine Erlebnisse und weitere Bilder sind alle auf der Webseite www.michael-runs-for-kids.ch zu finden oder unter www.4deserts.com.